Chronik des Vereins Neckarhelle 1887 Ziegelhausen e. V.

1887 – 1918
Im Kaiserreich

Ende des neunzehnten Jahrhunderts, Otto von Bismarck bestimmte noch die Geschicke des jungen Deutschen Kaiserreichs, fanden sich ebenfalls junge Neckarheller zusammen um einen Verein zu gründen. Geleitet von der Absicht, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Neckarheller zu fördern, sich gegenseitige Hilfestellung zu geben, die Straße zu verschönern und die Belange der Bewohner innerhalb der Gemeinde Ziegelhausen zu vertreten, entstand der Neckarheller Club.

Außer einem Bild aus dem Jahr 1889 liegen uns über die ersten Jahre nur spärliche Informationen vor. Die überwiegend jungen Leute waren sicher eher praktisch veranlagt und maßen einer Dokumentation ihrer Aktivitäten keine Bedeutung bei. Man war jung und tatendurstig; wer denkt da an so was Langweiliges wie Protokollführung.

Gründer 1889

Dies änderte sich erstmals im Jahr 1908. Der damalige Vorsitzende Jean Reinhardt, ein Gärtnereibesitzer aus der Neckarhelle, formte aus dem wohl eher losen Zusammenschluss des Neckarheller Clubs den „Gemeinnützigen Verein Gemeinde Neckarhelle“. Die konstituierende Versammlung fand am 01. Februar 1908 im Hotel Stiftsmühle statt. Die Stiftsmühle, die bisher schon der Treffpunkt des Neckarheller Clubs gewesen war, wurde nun offizielles Vereinslokal. Aber auch die damals noch zahlreichen anderen Neckarheller Gaststätten wurden immer wieder zu Sitzungen und Veranstaltungen besucht.

Der erste Vorstand setzte sich aus den Herren

Jean Reinhardt
Johann Mayer
Friedrich Bürck
Karl Schmitt
Konrad Daub und
Friedrich Scheid

zusammen. Jean Reinhardt wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt. Der neue alte Verein nahm die bisherigen Ziele in seine Satzung auf. Ergänzt wurde allerdings, dass der Verein keinen politischen Charakter trage. Über die Hintergründe kann nur spekuliert werden. Wollte man sich bewusst aus den sozialen Auseinandersetzungen der Zeit heraushalten, um nicht in den Verdacht der „Vaterlandslosigkeit“ durch „politisch linke“ Vereinsarbeit zu geraten? War doch gerade das erste Jahr von vielen Aktivitäten geprägt, die auch einer politischen Partei würdig gewesen wären. So wurde der Gemeinderat aufgefordert, die Stadt Heidelberg um eine Senkung des Wasserzinses anzugehen, damit die staubige Straße in der Neckarhelle gewässert werden könne. Auch wurde die Gemeinde Ziegelhausen aufgefordert, die Neckarhelle ab der Stiftsmühle aufwärts zu pflastern und die anschließende Ortsstraße zu teeren. Und ein auch heute noch hochaktuelles Thema wurde angepackt: Eine Beschwerde über den Lärm des frühmorgendlichen Berufsverkehrs. Da hat sich wohl in hundert Jahren nichts geändert. Zur ersten Generalversammlung wurden dann 100 Statuten gedruckt und vorab vom „Vereinsdiener“ Robert Bollschweiler verteilt.

Statuten 1908

Zu dieser ersten ordentlichen Mitgliederversammlung kamen 22 Mitglieder. Bei einer an der Zahl der gedruckten Statuten geschätzten Mitgliederzahl von vielleicht 40 – 60 Mitgliedern, war das immerhin ein Drittel bis maximal die Hälfte der Mitglieder. Das Jahr endete mit einer Weihnachtsfeier in der Stiftsmühle und erbrachte einen Überschuss von 16,74 Mark. Mit dem gleichen Schwung ging es 1909 dann weiter. Es gab Streit mit dem Verschönerungsverein, so dass man sogar rechtliche Schritte erwog. Weiterhin wurde die Stadt Heidelberg aufgefordert, Ziegelhausen an die Straßenbahn anzubinden. Doch obwohl beim Bau der Neckarbrücke 1913/14 Gleise in die Brückenfahrbahn eingelassen wurden, fuhr nie eine „Elektrische“ nach Ziegelhausen.

1910 fand dann der erste Maskenball statt.
1912 war dann ein weiteres wichtiges Ereignis im Vereinsleben. Nach Heidelberger Vorbild wurde der erste Sommertagszug in Ziegelhausen durchgeführt.
Zufällig fällt heuer das 100 jährige Jubiläum des Zuges mit dem 125 jährigen des Vereins zusammen.
1913 regte der Verein eine Neckarüberfahrt an. Diese wurde dann später durch Johann Wolf betrieben.
1915 bis 1919 ließ man dann wegen des Krieges alle Vereinsaktivitäten ruhen.

1918 – 1933
In der Weimarer Republik

Am 12. Januar 1919 fand die erste Sitzung nach Kriegsende statt; natürlich wieder in der Stiftsmühle. Bei der Generalversammlung zwei Wochen später gedachte man der gefallenen und in Gefangenschaft befindlichen Vereinsmitglieder. Am 08. Februar fand ein Unterhaltungsabend statt. Jean Reinhardt stiftete 50,– Mark. So konnte jeder Kriegsheimkehrer für sich und seine Söhne 4,– Mark Zuschuss pro Person erhalten.

Während der Weimarer Republik normalisierten sich die Zeiten wieder. 1920 gründete der Verein eine Ortsgruppe zum Kanalbauverein. Man wollte bei der anlaufenden Neckarkanalisierung, bei der auch die Staustufen geplant wurden, präsent sein. Ein weiteres heißes Eisen wird im gleichen Jahr angepackt. Der Gemeinderat wird um Auskunft über den Stand der Eingemeindung Ziegelhausens nach Heidelberg ersucht. Wie die Antwort ausfiel ist nicht bekannt. Allerdings dauerte es noch 55 Jahre bis das Thema mit der Eingemeindung 1975 erledigt war.

1921 lehnen die Mitglieder in der Generalversammlung die Fusion mit dem Verschönerungsverein ab. Wohl kein Wunder, wollte man doch 1909 mit dem Verschönerungsverein noch vor den Kadi ziehen. 1925 regte der Vorstand bei der Gemeinde Hochwasserschutzmaßnahmen am Steinbach an. Das Thema Hochwasserschutz ist also auch ein zeitloser Dauerbrenner.

Im gleichen Jahr nahm ein Vereinsvertreter an den Sitzungen des Kanalbauvereins teil. Daraus kann man schlussfolgern, dass es 5 Jahre gedauert hatte, um aus der Ortsgruppe in den Kanalbauverein zu kommen. Es war wohl auch Zeit. 1928 wurde der nun fertige Neckarkanal per Boot besichtigt. Für 1,50 Mark Fahrpreis ging es über den Schwabenheimer Hof nach Edingen, wo das Ereignis gebührend gefeiert wurde.

Die nun aufziehenden schwarzen Wolken der Weltwirtschaftskrise beendeten die „Goldenen zwanziger Jahre“. Am 25.Oktober 1929 kam es zum „Schwarzen Freitag“. Diese Krise ging auch am Verein nicht spurlos vorüber. Die Mitgliederzahl sank, Veranstaltungen fielen teilweise aus. Die zaghafte wirtschaftliche Erholung ab 1932 brachte für den Verein keine Verbesserung seiner Lage; im Gegenteil, es kam noch schlimmer.

1933 – 1949
Im Dritten Reich und der unmittelbaren Nachkriegszeit

Bei der Generalversammlung am 01. Januar 1934 musste auf Grund der Gleichschaltungsgesetze von 1933 der gesamte Vorstand zurücktreten. Der Pluralismus der Weimarer Zeit wurde von den neuen Machthabern als Schwäche empfunden und ausgemerzt. Bürgermeister Heinrich Rode wurde zum (Vereins-) Führer bestimmt. Ein Vorsitzender kam in der neuen strammen Terminologie nicht mehr vor. Am 21. Januar trat eine weitere Generalversammlung zusammen. Führer Rode war inzwischen von der Ortsgruppenleitung der NSDAP Ziegelhausen bestätigt worden. Es wurde nun ein Führerrat im Umfang des bisherigen Vorstandes bestimmt. Jean Reinhardt wurde aufs Altenteil abgeschoben und zum Ehrenvorsitzenden ernannt. In diesem Jahr fanden noch Maskenball und Sommertagszug statt, dann verschmolz der neue Führer Rode den Neckarheller Verein mit dem Verkehrsverein. Führerrat und Mitglieder wurden nicht befragt. Die Fusion kam einer Auflösung gleich. Alle Traditionen des Neckarheller Vereins, besonders der Sommertagszug, fanden im neuen Verein keine Fortsetzung. Die alten Neckarheller waren empört. Doch zu mehr als einem Protestvermerk im Protokollbuch durch Schriftführer Daub kam es nicht; das Reich hatte Fakten geschaffen.

 

Protestvermerk 1934

Doch auch diese Zeiten von Willkür, Diktatur und Kriegsgräuel gingen vorüber.

1949 – 2012
In der Bundesrepublik Deutschland

Am 26. März 1949 riefen die Herren

Adam Wolf
Karl Mayer
Ludwig Haas
Georg Maisch und
Leonhard Daub

den „Gemeinnützigen Verein Gemeinde Neckarhelle, Ziegelhausen“ im Café Kinzinger ins Leben zurück.

Neue Statuten wurden gedruckt; die Ziele blieben die alten. Neuer Vorsitzender wurde Adam Wolf. Er lenkte die Geschicke des Vereins für 4 Jahre. Wichtige Entscheidungen mussten getroffen werden. So konnten ab 1950 auch nicht in der Neckarhelle wohnende Bürger die Mitgliedschaft erwerben. Ebenso wurde der Sommertagszug wieder eingeführt.

Sommertagszug 1950

 

Und 1952 entschied man sich in der Generalversammlung gegen einen Eintrag ins Vereinsregister. 1953 übernahm Leonhard Daub die Amtsgeschäfte des Vorsitzenden, bevor diese 1956 zu Georg Ziegler wechselten, der sie bis 1973 ausübte. Ihm folgte Kurt Michaeli für die nächsten 21 Jahre nach.

1974 schlägt der Verein im Hinblick auf die anstehende Eingemeindung nach Heidelberg neue Straßennamen vor. Da es die Heidelberger Straße und die Eichendorffstraße bereits in Rohrbach gibt, müssen die Ziegelhäuser Gegenstücke umbenannt werden. Die Stadt Heidelberg akzeptiert die Vorschläge des Neckarheller Vereins. So wird aus der Heidelberger Straße die Straße „In der Neckarhelle“ und aus dem Eichendorffweg wieder wie früher schon der „Neue Weg“.

Ab 1976 betreibt der Verein endlich die längst fällige Eintragung ins Vereinsregister. Die Generalversammlung am 22. Januar 1978 beschließt die neue Satzung. Am 18. August 1978 wird der Verein ins Vereinsregister beim Amtsgericht Heidelberg eingetragen. Der neue Name lautet jetzt „Verein Neckarhelle 1887 Ziegelhausen e.V.“

Und wieder blieb gemäß der neuen Satzung die Zielsetzung des Vereins die gleiche. Neu hinzu kam jetzt aber die Gemeinnützigkeit, die dem Verein eine begrenzte Steuerfreiheit garantiert.

Eine weitere Veränderung gab es 1982. Die Stiftsmühle schloss für immer ihre Pforten. Leider stand in der Neckarhelle kein adäquater Ersatz bereit. Neues Vereinlokal wurde der Schwarze Adler am Beginn der Kleingemünder Straße.

Im Jahr 1987 feierte der Verein sein erstes Jubiläum, 100 Jahre waren seit der Gründung vergangen. Der Verein stand auf gesundem Fundament. Mit der wirtschaftlich prosperierenden Bundesrepublik hatte sich auch der Verein entsprechend entwickelt. Hatte man früher über lange Zeiträume finanziell quasi von der Hand in den Mund gelebt, so gab es jetzt ein kleines finanzielles Polster mit dem die Feiern problemlos bestritten werden konnten. Ein ganz neues und gutes Gefühl für die Vereinsführung. Auch der Mitgliederbestand hatte sich positiv entwickelt. In den besten Jahren besaßen 170 Personen die Mitgliedschaft.

1994 wechselte erneut der Vorsitzende. Kurt Michaeli gab sein Amt in jüngere Hände. Seitdem leitet Rainer Rössig als Vorsitzender die Vereinsgeschicke. Dieser konnte auf der Arbeit seines Vorgängers aufbauen und alle Aktivitäten in gewohnter Weise fortführen. Die Einführung eines Straßenfestes Mitte der neunziger Jahre wurde nach zwei Versuchen 1997 und 1998 wieder eingestellt. Trotz großen Engagements war der Sache finanziell kein Erfolg beschieden. Im Jahr 2009 verließ der langjährige Pächter den Adler. Es folgte erstmals nicht sofort ein neuer nach. Seitdem hat der Verein kein offizielles Stammlokal mehr. Er führt nunmehr seine Veranstaltungen an wechselnden Orten durch.

Ausblick

In den Jahren seit 2000 zeigt sich ein Trend, der sich zur größten Herausforderung der jüngeren Vereinsgeschichte entwickelt hat; nämlich die Überalterung. Die Politik hat dazu einen Euphemismus parat, sie nennt es beschönigend den demographischen Faktor. Trotz aller Bemühungen treten nur wenige junge Leute dem Verein bei. Die meisten Neumitglieder sind bereits im gesetzteren Alter. Verbunden mit der heute hohen Lebenserwartung trägt das zu einem kontinuierlichen Ansteigen des Durchschnittsalters der Mitglieder bei. Auch sank die Mitgliederzahl in den letzten Jahren langsam aber stetig auf heute gut 150. Diesem Umstand muss der Verein Rechnung tragen. Er stößt bei der Organisation seiner Aktivitäten an personelle Grenzen. Eine Ausweitung auf weitere Veranstaltungen, wie z.B. die Kerwe, ist leider nicht möglich. Auch die jährlichen Vereinsausflüge müssen so geplant werden, dass ältere Mitglieder teilnehmen können.

Konnte der Chronist 1987 noch hoffnungsfroh in die Zukunft blicken, so muss der heutige leider einige Fragezeichen setzen. Bei aller Nachdenklichkeit muss aber konstatiert werden, dass wahrscheinlich eine Stabilisierung, allerdings auf niedrigerem Niveau als heute, erreicht werden kann.

Freuen wir uns daher über das in 125 Jahren Erreichte. Trotz aller Fährnisse der Weltgeschichte hat unser Verein stets überlebt und wird dies auch in der Zukunft tun, sodass in 25 Jahren wieder ein Jubiläum beim Neckarheller Verein ins Haus stehen wird.